Bischof Wilhelm Krautwaschl
Bischof Diözese Graz-Seckau
“Warum gibt es uns? Warum gibt es Menschen? Ohne einen Glauben an Gott, der allem, was ist und geschieht, einen Sinn verleiht, ist das schwierig zu beantworten. Gott hat uns, die Menschen, als ein Gegenüber in der Schöpfung geschaffen – so jedenfalls sehen wir es als Christen. Aus diesem Grund gibt es uns Menschen – sogar als Gottes Ebenbild. In Jesus Christus, seinem Mensch gewordenen Sohn, wird dies unüberbietbar deutlich.
Gott haucht uns das Leben ein – das Leben hier auf unserer Welt bis hinein in die Ewigkeit, wenn unsere beschränkte Lebenszeit zu Ende ist. Jedes einzelne Leben ist also grundsätzlich ein Geschenk Gottes. Es gibt nichts wertvolleres und wichtigeres als neues, menschliches Leben. Daher gilt: Jedes Leben ist lebenswert, jedes Leben ist mit einer eigenen Qualität ausgestattet, mit eigenen Möglichkeiten, den Weg durch das Leben und hin zu Gott zu gehen.
So freue ich mich über das vielfache “Ja” zum Leben, das immer wieder gegeben wird – und dies auch in schwierigen Zeiten und unter besonderen Umständen. Dann kann die Kirche helfen. Auch #fairändern setzt sich für gute Lösungen ein, die dem Leben dienen. Deshalb sage ich ein herzliches „Vergelt’s Gott“, dass es diese Initiative gibt.”
Perfekte Umstände?
Aus der Beratungspraxis
Diesmal habe ich einen jungen Mann namens Michael* am Telefon. Seine Freundin ist schwanger, doch sie sind sich einig, dass sie dieses Baby nicht bekommen können. Ich höre eine gewisse Unsicherheit und Ambivalenz aus seinen Worten heraus und frage nach: Warum „kann“ dieses Paar kein Kind bekommen? Die Umstände sind es. Ja, die Umstände sind noch nicht „perfekt“. Zwar sind beide berufstätig, Wohnraum ist vorhanden und die Eltern von beiden würden sich freuen, Großeltern zu werden. ABER…! Es war halt einfach noch nicht geplant. Michaels Freundin möchte eine Zusatzausbildung machen, und eigentlich war noch ein Umbau in der Wohnung vorgesehen. In einem Jahr, ja, da wären sie dann vielleicht bereit für eine Schwangerschaft…Ich rede sehr lange mit Michael. Immer mehr merke ich, dass dieser werdende Vater einfach alles richtig machen will. Alles soll und muss perfekt sein, alles soll genau nach Plan laufen. Das stimmt mich nachdenklich. Dieser Wunsch nach Perfektion, nach Planbarkeit und Kontrollierbarkeit begegnet mir in den Beratungsgesprächen neuerdings immer öfter. Ich frage mich, ob das vielleicht mit den scheinbar perfekten Bildern von uns selbst zu tun hat, die auf Instagram & Co. allgegenwärtig sind. Obwohl wir natürlich alle wissen, dass diese Bilder und Nachrichten bearbeitet und beschönigt sind, macht es etwas mit uns. Das Leben findet immer mehr in aller Öffentlichkeit statt und der Druck, alles „perfekt“ zu machen, steigt enorm. Während des Gespräches erkennt Michael selbst, dass die Gründe, die gegen das Kind zu sprechen scheinen, eigentlich nur unwichtige Kleinigkeiten sind. Was für eine furchtbare, folgenschwere Entscheidung hätten er und seine Freundin beinahe getroffen! Er stimmt mir zu, dass für ein Baby die Liebe das Allerwichtigste ist und nicht irgendwelche „perfekten“ Umstände. Langsam wird immer deutlicher spürbar, wie die Freude auf sein Kind in ihm aufsteigt. Jetzt kann er es schon gar nicht mehr erwarten, seine neue Erkenntnis mit seiner Freundin zu teilen! Sie entscheiden sich FÜR ihr Baby und FÜR ein Leben, das von Liebe geprägt ist. Ich bin dankbar, dass Leben und Liebe in dieser unperfekten Welt wieder einmal gesiegt haben!
*Namen und Umstände wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert
Suche
Letzte Beiträge
Archiv